Als Breast Care Nurse beginnt meine Arbeit bei der Diagnosestellung. Wenn eine Patientin erfährt, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist, verändert sich das Leben von einem Moment auf den anderen. Viele Patientinnen berichten im Nachhinein, dass sie das erste Arztgespräch kaum wahrgenommen haben – sie fühlen sich wie betäubt und sind von Emotionen überwältigt. Genau hier setzt meine Begleitung an: In weiteren Gesprächen erkläre ich die Diagnose noch einmal verständlich, erläutere den geplanten, individuellen Behandlungsweg und informiere über Unterstützungsangebote. Gleichzeitig übernehme ich eine koordinierende Rolle zwischen Gynäkologie, Radiologie, Radioonkologie, Onkologie und Pflege. Als Bindeglied zwischen diesen Fachbereichen stehe ich den Patientinnen als konstante Ansprechperson während des gesamten Behandlungsprozesses zur Seite und sorge dafür, dass sich die Patientinnen in dieser herausfordernden Zeit gut begleitet fühlen.
In manchen Fällen erfolgt die Operation bereits ein bis zwei Wochen nach der Diagnosestellung Dabei wird das Tumorgewebe oder in selteneren Fällen die gesamte Brust entfernt. Diese kurze Zeitspanne lässt oft wenig Raum, um die Diagnose zu verarbeiten und sich auf die bevorstehenden Eingriffe und Therapien einzustellen. Viele Emotionen kommen deshalb erst nach der Operation richtig zum Vorschein. In dieser schwierigen Phase versuche ich, die Patientinnen aufzufangen, ihnen zuzuhören und sie bei der Verarbeitung dieser neuen Lebenssituation zu begleiten.
Je nach Tumorart sind vor oder nach der Operation weitere Behandlungen nötig – eine Chemotherapie, eine Immuntherapie oder eine antihormonelle Behandlung. Diese Behandlungen können für den Körper belastend sein und sind mit unterschiedlichen Nebenwirkungen verbunden: Haarausfall, Müdigkeit und Übelkeit bei der Chemotherapie, Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen bei der antihormonellen Therapie. Ich begleite die Frauen durch diese Nebenwirkungen, nehme ihre Beschwerden ernst und gebe praktische Tipps, um den Umgang mit den Nebenwirkungen im Alltag zu erleichtern.
Obwohl heute offener über Krebserkrankungen gesprochen wird, bleibt die psychische Belastung immer noch ein Tabuthema. Gerade bei Brustkrebs können die körperlichen Veränderungen Fragen, Unsicherheiten und Ängste auslösen. Neben dem Haarausfall durch die Chemotherapie betrifft dies insbesondere die Veränderung der Brust nach einer Operation. Da die Brust in unserer Gesellschaft häufig mit Weiblichkeit verbunden wird, ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild für viele Frauen eine grosse Herausforderung. In Gesprächen geht es darum, die eigene Weiblichkeit für sich neu zu definieren und ein positives Körperbild zu entwickeln. Die in den letzten Jahren stetig weiterentwickelten Möglichkeiten der Brustrekonstruktion, Brustprothesen oder Brustwarzenpigmentierungen können dabei unterstützen. Gleichzeitig entscheiden sich einige Frauen, insbesondere auch jüngere, bewusst dafür, ohne Rekonstruktion zu leben und ihre Geschichte sichtbar zu tragen.
Welche Entscheidung eine Frau für sich trifft, ist sehr persönlich und individuell. Wichtig ist, dass jede Frau ihren eigenen Weg gehen darf und dabei die Unterstützung erhält, die sie benötigt. Unabhängig von der gewählten Möglichkeit und der jeweiligen Lebenssituation begleiten wir die Frauen, geben ihnen Sicherheit und stehen ihnen während des gesamten Prozesses zur Seite. Ich wünsche mir, dass das Verständnis für die unterschiedlichen Wege im Umgang mit Brustkrebs weiterwächst, die gesellschaftliche Akzeptanz zunimmt und betroffene Frauen sich mit ihrem Körper und ihrer Geschichte angenommen fühlen.



